Abstract
Die vorliegende Arbeit entwickelt einen systematischen Workflow zur Aufbereitung heterogener Datenquellen über olympische Austragungsorte von 1896 bis 2018. Während offizielle Berichte des IOC detaillierte Informationen zu Veranstaltungsstätten enthalten, existiert kein zentralisierter, maschinenlesbarer Datensatz. Diese Forschungslücke wird durch einen interdisziplinären Ansatz adressiert, der Geoinformatik, Datenanalyse und Geschichtswissenschaften verbindet.
Die Datengrundlage bilden drei komplementäre Quellen: das Venues PDF des Olympic Studies Centre (1896-2018), die Community-Plattform Olympedia mit geografischen Koordinaten (1896-2022) sowie der Harvard-Finanzdatensatz (1964-2018). Mittels LLM-gestützter Extraktion, Web-Scraping und Fuzzy-Matching-Algorithmen werden unstrukturierte Daten in ein kohärentes GeoJSON-Format überführt. Der entwickelte Workflow und die Webanwendung zur interaktiven Exploration mittels Kartendarstellungen und statistischer Auswertungen werden als Open-Source-Projekt auf GitHub bereitgestellt.
Die Visualisierungen zeigen das stetige Wachstum olympischer Infrastruktur über 120 Jahre, signifikante Skalendifferenzen zwischen Sommer- und Winterspielen sowie eine ausgeprägte geografische Konzentration auf westliche Industrienationen bei gleichzeitigem Ausschluss des afrikanischen Kontinents. Durchgehend wurden vorwiegend bestehende Gebäude genutzt, mit einem signifikanten Anstieg an Neubauten während der Kommerzialisierungsphase (1960er-2000er).
Deutliche Skalendifferenzen zwischen Sommer- und Winterspielen manifestieren sich in allen erfassten Metriken. Die geografische Verteilung konzentriert sich auf westliche Industrienationen; Afrika blieb bislang ohne olympische Austragung.
Die Arbeit liefert einen wertvollen Beitrag durch die Etablierung eines integrierten Prozesses von der Datenakquise bis zur interaktiven Analyse und legt ein methodisches Fundament für zukünftige Untersuchungen diverser Zusammenhänge olympischer Infrastruktur.
Ausgangslage und Forschungsfrage
Olympische Spiele hinterlassen nicht nur sportliche Rekorde, sondern auch Infrastruktur: Stadien, Hallen, Eisanlagen, temporäre Bauten und ganze Quartiere. Wer langfristige Muster verstehen will (Wachstum, Wiederverwendung, regionale Schwerpunkte), braucht jedoch Daten, die über Jahrzehnte hinweg vergleichbar sind.
Methodisch knüpft die Auswertung an das Konzept des "Distant Viewing" an: Durch die computergestützte Aggregation vieler Einzelbeobachtungen entstehen Makroperspektiven, die bei der Betrachtung einzelner Austragungen verborgen bleiben. [1] [2] [3]
Genau hier setzt die Arbeit an: Die zentrale Herausforderung ist, dass wichtige Informationen zu Spielstätten zwar in offiziellen Berichten und Tabellen vorhanden sind, aber nicht als zentraler, maschinenlesbarer Datensatz vorliegen. Die Forschungsfragen lauten: (1) Wie lassen sich diverse unstrukturierte Datenquellen zu Olympischen Austragungsstätten in einem kohärenten und kontextualisierten Datensatz aufarbeiten, welcher für geographische Visualisierung, sowie grafische Analysen geeignet ist? (2) Welche Aussagen lassen sich aus dem kombinierten Datensatz bezüglich der entstandenen Datenqualität, infrastrukturellen Entwicklung der Austragungsstätte und Kosten Olympischer Spiele treffen?
Im Fokus steht damit weniger ein einzelnes Olympia-Jahr, sondern ein wiederverwendbarer Prozess, der Datenextraktion, Harmonisierung und Exploration zusammenbringt. Eine direkte Bewertung einzelner Organisationsentscheidungen oder politischer Rahmenbedingungen gehört nicht zum Kern; die Arbeit liefert vor allem die Grundlage, um solche Fragen später datenbasiert stellen zu können.